Irgendwie anders. Mini-me.

Dass die Maus irgendwie anders ist als andere Kinder, merkte ich schon ziemlich früh.

Anfänglich konnte ich das noch nicht recht einsortieren, dachte, es läge vielleicht an der Art, wie wir mit ihr umgehen. So waren beispielsweise die anfänglichen Besuche zu ihrer Geburt furchtbar. Auch wenn nur zwei leise sprechende Leute da waren und die Maus den gesamten Besuch verschlief – spätestens in der darauffolgenden Nacht erhielt ich die Quittung mit einem völlig aufgewühlten Kind. Ich fragte mich, ob andere Eltern bloß nicht darüber klagen, oder ob deren Neugeborenen solche Besuche möglicherweise gar nichts anhaben. Die Schnecke gab mir die Antwort – indem sie völlig unbeeindruckt von Lärm und Trubel war.

Diese „Kontaktscheue“ blieb der Maus auch über das Säuglingsalter hinaus erhalten. Obwohl ich natürlich mit ihr Babymassage, Krabbelgruppe, Musikschule und ähnliche Veranstaltungen besuchte, nahm sie nie Kontakt zu anderen Kindern auf. Auch „Einzeldates“ bei uns oder anderen Kindern verliefen diesbezüglich erfolglos. Im Gegenteil. Es stresste uns beide furchtbar. Die Maus weil sie sich unwohl fühlte und mich weil ich ständig nur vorlesen sollte und kaum einen Satz mit den anderen Müttern wechseln konnte.

Wann ist der Zeitpunkt, zu dem „normale“ Kinder mit anderen spielen? Das Internet gibt schwammige Antworten hierauf, so dass ich mir einreden konnte, es würde schon noch werden. Aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass das nicht so sein wird. Die Krippe bestätigte mir, dass die Maus anderen Kindern gegenüber kein Interesse zeigt und auch im Kindergarten mit den älteren Kindern hat sich nichts verändert.

Es stehen viele Begriffe im Raum. Autismus, Hochbegabung, Hochsensibilität. Was davon es auch sein mag – man muss damit umgehen lernen.

Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr sehe ich mich in der Maus. Angefangen in der frühesten Kindheit. Da gibt es von mir keine Videos, aber eine Kassette, auf der ich Gedichte und ganze Bücher auswendig aufsage. Genau das machte die Maus auch, als sie etwa zwei Jahren alt war. An meine Kindergartenzeit erinnere ich mich nicht. Ich weiß aber, dass ich nur zwei Nachbarinnen hatte, mit denen ich spielte. Diese waren rund 5 Jahre älter als ich, so dass ich wir immer Schule spielten und ich zur Einschulung schon längst lesen, schreiben und rechnen konnte. In den Kindergarten sei ich gerne gegangen, sagt meine Mutter. Im dritten Jahr wäre es mir aber sehr langweilig geworden dort. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, wie schnell v.a. negative Erinnerung in Zusammenhang mit dem Kind verblassen. Ob ich also wirklich gerne hingegangen bin?

Es fiel mir immer schwer, Kontakte zu knüpfen. Jeder muss erst „beweisen“, dass er es gut meint, denn irgendwie habe ich zunächst immer das Gefühl, jeder ist „böse“. Die Freundinnen, die ich habe, habe ich seit der Grundschule. Treue ist mir das allerwichtigste. Oft beneidete ich andere um ihre Offenheit. Dass sie quasi mit jedem befreundet waren. Und beliebt. Dass sie an schulischen Veranstaltungen bzw. Freizeitangeboten teilnahmen. Dazu fehlte mir bis zur 11. Klasse der Mut.

Und nun frage ich mich: Wer ist die Maus? Ist sie irgendwie eine kleine Version von mir? Wird es bei ihr auch so „glimpflich“ ausgehen? Dass sie irgendwann doch noch über ihren Schatten springen kann, Freude findet, Spaß an Aktivitäten außerhalb unseres Wohnzimmers und gemeinsam mit anderen hat? Und vor allem glücklich ist? Ich wünsche es ihr. Und mir.

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6 Gedanken zu „Irgendwie anders. Mini-me.

  1. blumenpost

    Sie hat wirklich Glück, dass sie dich als Mama hat. Du erkennst das alles und nimmst es ernst. Das ist so viel Wert.
    Habt ihr denn Ärzte oder Therapeuten, die da mit euch schauen wie genau dieses „anders“ definiert werden kann? Einfach so als Anhaltspunkt wie man damit weiter umgehen kann, ob man sie noch fördern kann oder so?

    Finde ich wirklich gut, dass du das schon so früh alles bemerkst.

    Antwort
    1. Schokolane Autor

      Das hast du schön gesagt, da musste ich erstmal ein Tränchen verdrücken… Danke!
      Wir haben uns noch nicht um Hilfe bemüht. Bei der U7a hatte mein Mann den Kinderarzt bzgl. Autismus befragt, der meinte aber es sei unwahrscheinlich, weil sie ja mit Erwachsenen (auch fremden) sehr offen kommuniziert. Die anderen Überlegungen habe ich erst danach angestellt, weil ich darüber quasi nix wusste. Wir haben von der Krippen-Bezugserzieherin der Maus eine Adresse genannt bekommen, wo wir uns bzgl. Verhaltensauffälligkeiten informieren könnten, weil ich damals beim Abschlussgespräch wohl etwas besorgt gewirkt habe. Vielleicht werde ich das Angebot noch annehmen. Momentan fällt es mir aber noch schwer, denn ich will die Maus nicht in eine Schiene drängen oder ihr das Gefühl vermitteln, dass sie nicht „normal“ ist. Ich weiß es noch nicht, wie ich weitermachen werde. Vielleicht erstmal weiter Informationen sammeln…

      Antwort
      1. blumenpost

        Das verstehe ich. Ich denke für euch und auch um es gegenüber Erzieherinnen und später Lehrerinnen besser kommunzieren zu können, würde irgendeine „Diagnose“ helfen. Vielleicht ist ja auch erstmal nur ein Gespräch allen mit einem Therapeuten (oder wohin auch immer man damit gehen kann) gut, also ohne dass sie dabei ist.

      2. Schokolane Autor

        Ja. Wenn, dann gehen wir bestimmt erstmal ohne sie hin. Sie denkt auch so schon über alle möglichen Dinge nach, die „normale“ Dreijährige nicht beschäftigen. Da will ich sie nicht zusätzlich belasten.

  2. Pingback: 5,5 Jahre Maus | Schokolane's Blog

  3. Pingback: Eine beste Freundin für die Maus | Schokolane's Blog

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