Familienbande

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Artikel schon tippen wollte, es dann aber doch habe sein lassen. Ganz nach dem Motto „Schlaf lieber eine Nacht drüber“ hab ich es immer überdacht und am nächsten Morgen für übertrieben abgestempelt und nicht gebloggt.

Anders diesmal, denn ich habe seit Silvester darüber geschlafen und das Gefühl bleibt. Also raus damit.

Es geht um das Thema Familienzusammenhalt. Meine Familie ist eine „Dorffamilie“. Bis kurz vor meiner Geburt lebten meine Großeltern auf dem Land, meine Eltern entsprechend vor dem Ende ihrer Schulzeit auch. Man lebte mit mehreren Generationen in einem Haus und unterstützte sich gegenseitig, wo es nötig war. So lebte ich z.B. das erste halbe Jahr meines Lebens bei meinen Großeltern auf dem Land, während meine Eltern in der Stadt waren und arbeiteten – weil meine Mutter nur wenige Wochen Mutterschutz hatte und danach wieder voll arbeiten musste. Nix Elternzeit, das gab es nicht.

Entsprechend verhält es sich, wenn wir heutzutage zu Besuch kommen. Die Maus und die Schnecke werden uns so gut es geht „abgenommen“, immerhin freut sich jeder auf die Kleinen und will dann auch mal vorlesen oder rumschleppen. Oder dafür sorgen, dass ich mal einigermaßen in Ruhe essen kann. Und zwar packt jeder an. Meine Mutter, meine Tante, mein Onkel. Sogar meine Oma mit 88 Jahren bespaßt, singt, macht Fingerspiele. Oder backt was, wenn wir eine große Feier haben, damit ich mit den beiden Kindern nicht auch noch drei Kuchen machen muss. Was meine Mutter alles für uns tut, brauche ich hier ja nicht mehr erwähnen.

Die Familie meines Mannes ist dagegen ganz anders. Auch hier freut man sich durchaus, wenn wir zu Besuch kommen. Vor allem Opa bemüht sich schon. Vor allem, als die Maus noch so stark aufs Vorlesen fixiert war, musste er stundenlang Bücher vorlesen. Mittlerweile hat sich das gelegt mit der Folge, dass ich oft dort bin und die Kinder „vorführen“ darf. Sprich: Ich sitze mit den beiden aufm Boden, im schlimmsten Fall nölt eine oder beide rum und die Großeltern schauen mir dabei zu. Wenn es Essen gibt, wird es anstrengend, denn alles ist recht steif und fest vorgegeben. Wenn eine der beiden quengelt, muss ich gucken, dass das aufhört. Falls mir nix einfällt, verlasse ich eben den Tisch bzw. das Esszimmer, während die anderen weiteressen.

Genau so war es an Silvester. Fleischfondue gab es traditionsgemäß. Und was ist das Problem am Fleischfondue? Es dauert ewig. Man hat ein mini Fleischstück, das ewig brät, damit es nicht mehr roh innen ist, dann ist es zäh und heiß und überhaupt. Die ganzen sauren Beilagen sind auch nicht jedermanns (oder v.a. „jederkinds“) Sache – zumal die Cornichons zudem megascharf waren, so dass die Maus nur Baguette essen konnte. Trocken. Dazu wurden ihr freundlicherweise noch vier Scheiben Lyoner angeboten – immerhin, denn im letzten Jahr gab es gar keine Alternative für sie. Dass es die billigsten waren, die man bekommen kann (die aus der runden Packung, wo 10 Scheiben oder so übereinander drin sind), fand ich auch solala, wo doch für die anderen Gourmets Unmengen an Rindfleisch vom Metzger zum Frittieren bereit lag. Der Obstsalat zum Nachtisch war dann noch „mit Schuss“, herzlichen Dank. Auch von mir, da ich noch stille. Aber das versteht eh keiner, zumal in deren Generation sogar während der Schwangerschaft auf Alkohol nicht gänzlich verzichtet wurde. Und warum alle außer der Maus ein Getränk hatten, frage ich mich auch, zumal sie eh immer nur Leitungswasser trinkt. Aber ich hatte ja ihren Becher zufällig dabei, so ersparte ich allen Beteiligten, kurz nach Fondue-Beginn wieder vom Tisch aufstehen zu müssen.

Joa. Irgendwann hatte dann die Maus ihre Brezel aufgegessen, die ich dabei hatte mit der Begründung, sie hätte ein bisschen Magenprobleme und wurde unleidlich. Also wurde sie mit Tablet und YouTube ins Wohnzimmer abgeschoben. Dann hatte die Schnecke keinen Bock mehr. Also lief ich eine Ewigkeit mit ihr im Flur auf und ab und schaute mit ihr die Wanddeko an. Bis irgendwann Opa kam und mich ablösen wollte. Da war der Fetttopf aber bereits abgestellt, so dass ich geschwind meine zwei längst kalt gewordenen letzten Fleischstücke in mich reingestopft habe und froh war, zu Hause zum Kaffee vorsorglich ein großes Stück Kuchen gegessen zu haben.

So läuft es, eigentlich immer. Hilfe wird auch immer nur großartig angeboten, wenn wir dann aber nachfragen, passt der Termin so gut wie nie. Hach. Ich hoffe, ich selbst werde nicht so und kann die ländliche Tradition noch weiterleben und weitergeben, auch wenn ich zeitlebens in der Großstadt gewohnt habe…

Advertisements

3 Gedanken zu „Familienbande

  1. Kiki

    Ich glaube, es ist nicht die „Landfamilie“, sondern die Einstellung zueinander. Mir kommt das sehr bekannt vor, in meiner Familie unterstützt jeder jeden, auch wenn meist ein paar Hundert Kilometer zwischen uns sind. Meine Großeltern sind früher zwischen den Kindern hin und her gefahren um für ihre Enkel die passende Kleidung etc. weiterzugeben.
    Oma hat nach der Geburt eines weiteren Enkels den Haushalt geschmissen während Opa mit den älteren Geschwisterkindern die Spielplätze in der Umgebung unsicher gemacht haben. Inzwischen ist alle paar Wochen von uns jüngeren einer bei ihnen.
    Wenn ich jetzt als Alleinerziehende Studentin Hilfe brauche, lebt meine Cousine hier um die Ecke und ich kann jederzeit meine Mutter oder meine Tanten bitten vorbeizukommen, auch wenn ich vieles selber schaffe.

    Antwort
  2. Pingback: Rückblick 2016 und Ausblick 2017 | Schokolane's Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s